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Trevize

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Beitrag 7624031 , Hunley, J. D.: The Development of Propulsion Technology for U.S. Space-Launch Vehicles, 1926-1991 [Alter Beitrag27. Dezember 2012 um 22:46]

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Dann mache ich 'mal den Anfang. Es wäre schön, wenn es uns gelänge, hier über die nächsten Jahre eine größere Anzahl an Büchern vorzustellen (und zu bewerten), die für unser Hobby interessant sein könnten.

Mein erster Tipp:

Hunley, J. D.
The Development of Propulsion Technology for U.S. Space-Launch Vehicles, 1926-1991
Texas A&M University Press


Die besprochene Ausgabe ist von 2007. Der Autor ist Historiker und arbeitet seit über einem Vierteljahrundert über die Geschichte der Luft- und Raumfahrt der USA. Das zeigt sich besonders deutlich in dem fantastischen Quellenverzeichnis des Buches: Allein 71 der 388 Seiten verwendet der Autor dazu, Quellen (und kurze Kommentierungen) akribisch aufzulisten. Hier bieten sich gute Ansätze für weitere Recherche.

Dennoch ist dieses Buch keine langweilige Geschichtsstunde. Der Autor macht klar, dass er aus der Sicht des Historikers schreibt. Sein technisches Sachverständnis hebt dieses Buch aber wohltuend von vielen populärwissenschaftlichen Büchern zur Raumfahrt ab. Das Buch ist gegliedert in acht Kapitel, in denen bestimmte Aspekte der Triebwerks- bzw. Treibstoffentwicklung chronologisch aufgearbeitet werden, z.B. "Propulsion with Alcohol an Kerosene Fuels, 1932-72".

Goddard, Oberth, von Braun, Valier etc. etc. (eben die "üblichen" Raketen-Pioniere), nennt Hunley selbstverständlich a u c h. Sein Fokus liegt aber vornehmlich auf den Entwicklungen in den Vereinigten Staaten ab den 1940er Jahren. So wird das Entstehen des JPL aus dem GALCIT JATO-Projekt detailliert beschrieben und es gelingt dem Autor sehr gut, die US-amerikanischen Neu- und Eigenentwicklungen unter von Karman, Malina, Parsons, Truax u.a. ins rechte Licht zu setzen. Immer wieder betont er dabei die Wichtigkeit der Kooperation bzw. des Informationsaustausches zwischen den einzelnen Gruppen bzw. den frühen Unternehmen, die aus den Forschergruppen gegründet wurden (z.B. Aerojet). Für Ingenieure, die nicht nur durch exzellenten technischen Sachverstand, sondern auch durch hervorragende kommunikative Fähigkeiten herausstechen, nutzt er den Begriff "heterogenous engineer" (mir war er neu, aber Google findet immerhin schon über 1800 Treffer).

Weiterhin thematisiert Hunley die Entwicklung der Redstone-, Thor-, Atlas und Titan-Unterstufen und verschiedener Oberstufen, darunter Centaur, Burner, Able, Agena... Zwei erstaunlich detailreiche Kapitel mit zusammen 56 Seiten widmet er der Entwicklung von Feststoffmotoren auf Basis verschiedener Polymere als Binder, endend mit den Titan- und Shuttle-Boostern. Die Konstruktion von Casings wird beschrieben, die Entwicklung verschiedenen Kern-Geometrien, die dämpfende Wirkung von Al-Oxid-Partikeln bei Verbrennungs-Instabilitäten und vieles mehr - keine Frage, die nahezu reibungslose Entwicklung der aktuellen neuen Trägersysteme hat ihre Grundlage in den Fehlschlägen (und der daraus gewonnenen Erkenntnisse) der Pionierjahrzehnte.

Hunley schließt mit einem Kapitel "Conclusions and Epilogue" in dem er noch einmal deutlich auf die Triebfeder(n) der Raketenentwicklung der letzten Jahrzehnte eingeht (u.a. "Cold War"), auch Kostenschätzungen nennt, aber eben auch die positiven Effekte der Raumfahrtentwicklung (Kommunikation, Wissenszuwachs...).

Interessant ist, dass all die Fakten eingerahmt sind durch Hunleys Bemühungen, den Begriff "rocket science", den er für nicht gerechtfertigt hält und das auch an mehreren Stellen im Buch ausführlich darlegt, zu ersetzen durch "rocket engineering". Er begründet das - vereinfacht - damit, dass Probleme oft nicht durchschaut und durch trial-and-error-Verfahren gelöst würden.

Das Buch ist aktuell nur in englischer Sprache erhältlich. Der Preis für die gebundene Ausgabe ist mit EUR 60,99 (Stand: 12.2012) stattlich, aber meines Erachtens (gerade noch) gerechtfertigt. Hunley liefert kein klassisches Lehrbuch ab, dennoch nennt er viele interessante Details. Das Buch ist, von kleineren Längen abgesehen, gut und flüssig zu lesen, der Schreibstil reicht nicht an den bildhaften und mitreißenden Stil eines John D. Clark (dazu später mehr) heran - auch wenn Hunley es da und dort versucht - ist aber auch weit entfernt von der verquast-belehrenden Art, mit der viele populärwissenschaftliche (deutschsprachige...) Bücher der letzten Jahrzehnte aufwarten.

Hagen
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